Über die Krise der Psychologie, Psychotherapie, Beratung und der akademischen Psychologie wird in Fachkreisen eine kontinuierliche und anhaltende Diskussion geführt. Dieses Thema ist so umfassend, dass man darüber problemlos ein eigenes Buch schreiben könnte. In diesem kurzen Text werde ich das Rad nicht neu erfinden und mich vor allem auf ein Werk beziehen, das vor über dreißig Jahren veröffentlicht wurde. Zwei Autoren, James Hillman und Michael Ventura, veröffentlichten ihr provokantes Buch We’ve Had a Hundred Years of Psychotherapy — And the World’s Getting Worse („Wir hatten hundert Jahre Psychotherapie – und die Welt wird immer schlechter“), und seine zentralen Ideen sind heute nicht nur noch aktuell, sondern die dort beschriebenen Symptome haben sich eindeutig weiter verschärft. Auch die Gedanken von Rollo May, die dieses Thema ergänzen, sind mir sehr nahe.
Die zentrale Idee klingt bis heute unbequem – und vielleicht gerade deshalb bleibt sie so relevant: Psychotherapie hat den Menschen verändert, aber nicht die Welt verbessert. Hillman formulierte es noch schärfer: „Wir hatten hundert Jahre Analyse – und die Menschen werden immer sensibler, während die Welt immer schlechter wird.“ Was ist die zentrale Aussage? Sie ist einfach – und radikal: Die moderne Psychotherapie ist zu stark auf das Innenleben des Individuums fokussiert und verliert dabei den Blick für die „Seele der Welt“. Während sich Therapie mit Gefühlen, Mustern, inneren Konflikten und der Lösung persönlicher Themen beschäftigt, bleiben grundlegende Krisen oft außerhalb des Blickfeldes, zum Beispiel:
ökologische Veränderungen: Man muss kein Experte sein, um mit bloßem Auge wahrzunehmen, wie drastisch sich unsere Umwelt verändert.
soziale Fragmentierung: Dieser Prozess beschleunigt sich. Wenn Unterschiede früher relativ klar und überschaubar waren, werden sie heute immer feiner und zahlreicher. Wir beobachten nicht nur eine Aufteilung in Gruppen, sondern eine fortlaufende Differenzierung von Identitäten und Positionen: linke, rechte, zentristische Perspektiven – und jene, die sich „außerhalb des Systems“ verorten; klare Haltungen – und gleichzeitig der Wunsch, sich nicht festlegen zu lassen; für Wissenschaft – aber „mit Vorbehalten“; für Freiheit – aber „in gewissen Grenzen“. Selbst im Alltag entstehen neue Trennlinien: Kaffeetrinker und Teetrinker; Frühaufsteher und Nachtmenschen; Minimalisten und jene, die Komfort und Fülle bevorzugen; Online- und Offline-Leben – und immer mehr Mischformen dazwischen. Manchmal wirkt das fast ironisch: Wir streben immer stärker nach Einzigartigkeit – und finden gleichzeitig immer schwerer eine gemeinsame Sprache. Fragmentierung ist längst nicht mehr nur ein soziales Phänomen, sondern wird zu einer Art der Wahrnehmung: durch Unterschiede statt durch Verbindendes. Es entsteht ein paradoxes Bild: Menschen arbeiten intensiv an sich selbst – und leben gleichzeitig in einer Welt, die zunehmend instabil wird.
Gesellschaftliche Antworten auf diese Fragmentierung gibt es durchaus, doch sie nehmen mitunter problematische Formen an: Unterschiede werden dort nivelliert, wo sie eigentlich notwendig wären. So stellt sich die Frage, ob Therapie nicht teilweise zu einer Form der Anpassung an problematische Bedingungen geworden ist, anstatt zu deren Veränderung beizutragen. Wenn man die Situation genauer betrachtet, ergibt sich ein beinahe beunruhigendes Bild: globale Krisen nehmen zu, Gemeinschaften werden fragiler, Menschen werden sensibler, aber nicht unbedingt stabiler, und Therapie bleibt überwiegend auf das Individuum ausgerichtet. Das klingt heute weniger wie Kritik als vielmehr wie eine Diagnose unserer Zeit. Bedeutet das, dass Psychotherapie gescheitert ist? Wohl kaum. Sie hat unzähligen Menschen geholfen und tut es weiterhin. Doch vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung woanders: Wie kann Therapie wieder stärker mit der Welt verbunden werden?
Hillman war kein Gegner der Therapie, sondern ihr kritisches Gewissen. Seine Botschaft ist unbequem, aber klar: Heilung kann nicht nur im Inneren stattfinden, wenn die äußere Welt krank bleibt. Die Zukunft der Beratung liegt möglicherweise nicht darin, immer präzisere Methoden zu entwickeln, sondern darin, den Blick zu erweitern: vom Individuum zu Beziehungen, zur Gemeinschaft und zur Welt. Denn letztlich geht es nicht nur darum, wie wir Menschen helfen, sondern auch darum, in welcher Welt wir alle leben. Es braucht offenbar eine Perspektivverschiebung: weg vom isolierten „Ich“ hin zu einer Psyche, die in die Welt eingebettet und untrennbar mit ihr verbunden ist.
Mir fällt zunehmend auf, wie sich Psychotherapie schrittweise in Richtung marktwirtschaftlicher Logik bewegt. Ausbildungen, die mit erheblichen finanziellen Kosten und zusätzlichen Aufwendungen verbunden sind, werden immer häufiger als Investition betrachtet. Diese Investition ist meist an eine bestimmte Methode oder Schule gebunden. Professionelle Gemeinschaften bilden relativ geschlossene Systeme: Ausbildung, Zertifizierung und Supervision finden innerhalb derselben Struktur statt und erfordern eine langfristige finanzielle und berufliche Bindung. Einerseits sichert das Qualitätsstandards, andererseits entsteht eine Form von Abhängigkeit, aus der es nicht immer leicht ist, sich zu lösen. Daraus ergibt sich ein nachvollziehbarer Druck: Die investierten Mittel müssen wieder erwirtschaftet werden. In der Praxis bedeutet das oft jahrelange intensive Arbeit, die teilweise an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit führt. An diesem Punkt gewinnt Marketing zunehmend an Bedeutung. Es entstehen neue Ansätze, Bücher werden veröffentlicht, Programme und Kurse entwickelt, die sich nicht mehr nur an Fachleute richten, sondern an ein breites Publikum. Das erweitert den Zugang zu Wissen, führt aber gleichzeitig zu einer Verwischung der Grenzen zwischen fundierter therapeutischer Arbeit und vereinfachten Formen der Vermittlung. Es entsteht ein starker Strom popularisierter psychologischer Inhalte, in dessen Zentrum immer häufiger das individuelle „Ich“ steht. Und hier zeigt sich erneut die Relevanz von Hillmans Gedanken: Je stärker der Fokus auf dem Individuum liegt, desto mehr kann sich Fragmentierung verstärken – und desto schwieriger wird es, den Bezug zum größeren Kontext von Beziehungen, Gemeinschaften und Welt aufrechtzuerhalten.
Digitale Therapieformate und künstliche Intelligenz haben vieles erleichtert: Zugang, Geschwindigkeit, Skalierbarkeit. Gleichzeitig verstärken sie eine Entwicklung, die Hillman bereits beschrieben hat: Die Psyche wird zunehmend als etwas verstanden, das im Kopf stattfindet. Der lebendige, relationale Raum – Körper, Begegnung, Kontext – tritt dabei in den Hintergrund. Zwar gibt es alternative Ansätze wie Ökopsychologie, systemische und gemeinschaftsorientierte Modelle sowie körper- und ritualbasierte Arbeit, die versuchen, die Verbindung zwischen Mensch und Welt wiederherzustellen, doch sie bleiben häufig Randphänomene. Der Mainstream bleibt weiterhin individualistisch geprägt. Wenn wir mit Bedrohung konfrontiert werden, erleben wir sie meist als etwas Äußeres – als etwas Fremdes, das Distanz und Schutz erfordert. Viel seltener stellen wir uns die unangenehme Frage, in welchem Maß dieses Phänomen Teil derselben sozialen Realität ist, zu der auch wir selbst gehören. Anders gesagt: Wir sind bereit, Gefahr zu erkennen, aber nicht immer bereit, den Kontext zu sehen, in dem sie entsteht. Genau hier zeigt sich einer der subtilsten Effekte von Fragmentierung: Die Trennung zwischen „mir“ und „den anderen“ wird immer schärfer, während die wechselseitige Verbundenheit zunehmend aus dem Bewusstsein verschwindet.
Meine persönliche Antwort auf diese Überlegungen ist eine einfache Strategie: jedes Mal ein wenig mehr zu tun als nur für mein eigenes „Ich“. Vielleicht beginnt genau hier eine mögliche Antwort auf die Frage, was wir mit all dem machen können.